„Mode ist vergänglich, aber ein Schnitt, der die Bewegung des Körpers versteht, ist ewig." – Christophe Lemaire
KaiEin tiefer Blick auf das Handwerk und die Philosophie hinter dem ikonischsten Mantel der Saison. Warum Schnittführung und Materialwahl bei Christophe Lemaire keine Kompromisse kennen.
Styling NotesEin tiefer Blick auf das Handwerk und die Philosophie hinter dem ikonischsten Mantel der Saison. Warum Schnittführung und Materialwahl bei Christophe Lemaire keine Kompromisse kennen.
In der Welt der Luxusmode gibt es Kleidungsstücke, die laut schreien, und solche, die durch ihr Schweigen überzeugen. Der Lemaire Trenchcoat gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. In einer Ära, in der Trends im Wochentakt wechseln, steht dieser Mantel für eine radikale Beständigkeit. Er ist nicht nur ein Schutz gegen das Wetter, sondern eine architektonische Meisterleistung, die den Körper umhüllt, ohne ihn einzuschränken. Wer dieses Stück einmal in den Händen hält, spürt sofort: Hier wurde an nichts gespart – außer an überflüssigem Dekor.
Das Fundament dieses Klassikers ist die wasserabweisende Baumwoll-Gabardine. Lemaire wählt Stoffe nicht nach ihrem Trendfaktor, sondern nach ihrer Haptik und Langlebigkeit. Diese Gabardine ist so dicht gewebt, dass sie Wind und Regen trotzt, dabei aber eine Leichtigkeit bewahrt, die man bei herkömmlichen, oft steifen Trenchcoats vermisst. Es ist ein Material, das nicht altert, sondern reift. Mit jedem Tragen passt sich der Mantel mehr den Bewegungen seines Besitzers an, entwickelt eine individuelle Patina und wird zu einem persönlichen Archiv gelebter Zeit.
Die Gabardine-Webstruktur, ursprünglich von Thomas Burberry im 19. Jahrhundert entwickelt, ermöglicht eine diagonale Rippe, die sowohl Wasserabweisende Eigenschaften als auch einen charakteristischen Glanz verleiht. Lemaire verwendet eine zeitgenössische Interpretation dieses Klassikers: leichter, drapierfähiger, aber in der Beständigkeit unnachgiebig. Ein gut gepflegter Gabardine-Trenchcoat kann buchstäblich Jahrzehnte überstehen – und sieht mit den Jahren besser aus.
Wer den Lemaire Trenchcoat zum ersten Mal trägt, ist oft überrascht von seinem Volumen. Wo andere Marken auf eine schmale, taillierte Silhouette setzen, gibt Lemaire dem Körper Raum. Die tief angesetzten Ärmel und der weite Fall ermöglichen es, den Mantel über dicken Kaschmir-Strick im Winter oder über einem schlichten Seidentop im Sommer zu tragen. Es ist die Freiheit der Bewegung, die hier im Vordergrund steht.
Christophe Lemaire entwickelte diese Oversized-Philosophie nicht aus einer modischen Laune heraus, sondern aus einer tiefen Überzeugung: Kleidung soll den Körper begleiten, nicht kontrollieren. In einem Interview beschrieb er den Prozess des Entwerfens als „Skulpturieren um den Körper herum" – was in jeder Naht des Trenchcoats spürbar ist. Die Schulter fällt bewusst etwas ab, die Ärmel sind bewusst ein wenig zu lang. Es ist diese Unschärfe der Proportion, die den Mantel so ikonisch macht.
Kein Bauteil des Lemaire Trenchcoats ist so diskutiert worden wie der Kragen. Er ist breiter als ein klassischer Trenchcoat-Kragen, biegsam genug, um ihn auf unzählige Weisen zu tragen, und verfügt über eine versteckte Knopfführung, die es ermöglicht, ihn sowohl geschlossen als auch offen-weit zu tragen. Viele Besitzer berichten, dass sie Wochen brauchten, um „ihren" Weg zu finden, diesen Kragen zu tragen. Es ist dieser Dialog zwischen Kleidungsstück und Mensch, der Lemaires Arbeit von Massenware unterscheidet.
Die Kragen-Konstruktion nutzt eine innere Verstärkung aus Baumwollgewebe, die verhindert, dass der Kragen formlos wird, ihm aber gleichzeitig erlaubt, sich nach getragen zu formen. Es ist ein Kompromiss, den nur wenige Ateliers beherrschen: genug Struktur, um die Form zu halten, genug Flexibilität, um sich anzupassen.
Ein Investment in einen Lemaire Trenchcoat ist nur dann sinnvoll, wenn man die Pflege ernst nimmt. Gabardine verträgt keine Wärme beim Waschen – die Fasern können schrumpfen und die charakteristische Dichte der Webung verlieren. Die empfohlene Methode: Fachkundige chemische Reinigung, maximal zweimal im Jahr. Im Alltag reicht ein feuchtes Tuch für kleine Flecken; die Qualität des Stoffs verhindert das Einziehen der meisten Verschmutzungen.
An einem kühlen, gut belüfteten Ort aufgehängt – niemals zusammengefaltet – behält dieser Mantel seine Form über Jahrzehnte. Die Nähte sind mit extra Aufmaß genäht, sodass kleinere Reparaturen durch einen erfahrenen Schneider problemlos möglich sind. Ein Mantel, der repariert werden kann, ist ein Mantel, den man nie wegwerfen muss. Das ist nachhaltig im tiefsten Sinne des Wortes.
Minimalistisch: Hellbeiger Lemaire über einem weißen Hemd, geraden Wollhosen in Ecru und Chelsea Boots in Cognac. Keine Tasche, nur der Mantel. Diese Kombination funktioniert von der Galerie bis zum Geschäftsessen.
Geschichtet: Über einem dickeren Rollkragen-Pullover in tiefem Camel, weiter Kordhose und wuchtigen Desert Boots. Der Mantel als letzter Schutzwall gegen den Herbstwind – und als Statement, dass Wärme und Eleganz sich nicht ausschließen.
Kontrastreich: Den hellen Beige gegen dunkle, fast schwarze Komponenten spielen: Schwarzes Seidentop, dunkle Schmalhose, weiße Sneakers. Der Mantel zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, und das ist kein Problem – er kann dieses Gewicht tragen.
Bildquelle: Unsplash – Fotografen: Sand Fotógrafa, GlassesShop, Sami Sadeghi. Verwendung zur redaktionellen Veranschaulichung.